Tote, Hightech, Lobbyismus und die grosse Lüge vom «angewandten Naturschutz».
Der Merkur jubelt: Deutschland hat so viele Hobby-Jäger wie nie zuvor.
467’682 Menschen besitzen hierzulande einen Jagdschein, 42 Prozent mehr als vor drei Jahrzehnten. Torsten Reinwald, Pressesprecher und stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Jagdverbands (DJV), durfte dazu im Merkur unwidersprochen als «Biologe» auftreten und erklären, Hobby-Jäger täten «etwas für die Artenvielfalt vor der eigenen Haustür». «Angewandter Naturschutz» liege in der «DNA der Jäger».
Kein einziger kritischer Satz. Kein Gegenwort. Kein Toter erwähnt.
Reinwald: Biologe oder Lobbyist?
Reinwald hat Biologie studiert. Sein Abschluss liegt in der Vergangenheit. Seine aktuelle Funktion ist eine andere: Er ist stellvertretender Geschäftsführer und Pressesprecher des Deutschen Jagdverbands – hauptberufliche Interessenvertretung für eine Freizeitlobby mit knapp einer halben Million Mitgliedern. Wenn ein Pressesprecher im Auftrag seines Verbandes Medien beliefert, ist das Lobbyarbeit, keine wissenschaftliche Expertise. Der Merkur hat diesen Unterschied nicht gemacht. Das ist kein Versehen, das ist schlechter Journalismus.
Bis zu 40 Tote pro Jahr – kein Wort im Merkur
Was Reinwald nicht erwähnt und der Merkur nicht nachfragt: Jedes Jahr sterben in Deutschland bis zu 40 Menschen durch Hobby-Jäger und Jägerwaffen. Dazu kommen hunderte Verletzte. Opfer sind Jagdkollegen, Ehefrauen, Nachbarn, Spaziergänger, Bergwanderer, Mountainbiker und spielende Kinder.
Weder der Jagdverband noch staatliche Behörden noch das Statistische Bundesamt führen Statistiken über Tote und Verletzte durch Jagd und Jägerwaffen. Tödliche Beziehungsdramen, bei denen Hobby-Jäger ihre Partnerin oder Familienangehörige erschiessen, gelten als Straftat und tauchen in keiner offiziellen Jagdunfall-Aufstellung auf. Eine Studie des Max-Planck-Instituts kommt auf rund 100 Tote bei Familiendramen jährlich in Deutschland, meist mit legalen Waffen.
Über all das: kein Wort im Merkur. Stattdessen: «Faszination Natur».
Der Naturschutz-Mythos
Reinwalds Kernbehauptung, Hobby-Jagd sei «angewandter Naturschutz», ist wissenschaftlich nicht haltbar. Studien belegen, dass intensive Bejagung das Anwachsen vieler Tierpopulationen bedingt: Die Hobby-Jagd zerstört Familienverbände und Sozialstrukturen, führt zu frühzeitiger Geschlechtsreife und damit zu höheren Geburtenraten.
Der Wildbiologe Prof. Dr. Josef Reichholf unterstreicht, dass sich Wildtierpopulationen schon immer selbst reguliert haben, hauptsächlich durch natürliche Umwelteinflüsse wie Krankheiten, Nahrungsverfügbarkeit und Witterung. Die Hobby-Jagd schafft das Problem, das sie vorgibt zu lösen.
«Hege mit der Waffe»: Das Genfer Gegenmodell
Der DJV beruft sich gerne auf die gesetzliche «Hegepflicht» – den angeblichen Auftrag, durch Jagd für gesunde Wildtierbestände zu sorgen. Hege mit der Waffe: die Natur zusammenschiessen, um sie zu schützen. Wer diesen Widerspruch nicht sieht, will ihn nicht sehen.
Der Kanton Genf beweist seit 1974, dass es anders geht. Vor dem Jagdverbot wurden jährlich weit über 400 Jagdpatente verkauft. Heute erledigen zwölf professionelle Wildhüter der «Police de la nature» sämtliche notwendigen Eingriffe in die Wildtierpopulation – für den gesamten Kanton. Das Ergebnis nach über 50 Jahren ist eindeutig: Die Biodiversität hat markant zugenommen. Die Zahl überwinternder Wasservögel hat sich von einigen Hundert auf rund 30’000 vervielfacht. Genf beherbergt heute die grösste Feldhasenpopulation und eine der letzten Rebhuhnpopulationen der Schweiz. Hirsche und Wildschweine, vor dem Verbot praktisch ausgerottet, sind zurückgekehrt.
Und die Kosten? Laut Faunainspektor Gottlieb Dandliker kostet der gesamte Betrieb – inklusive Wildschadenprävention und Entschädigungen an Landwirte – den Steuerzahler weniger als eine Tasse Kaffee pro Person und Jahr. Zusätzliche Stellen gegenüber dem früheren System wurden keine geschaffen. Das ist echter Naturschutz. Nicht 400 Hobby-Jäger mit Hightech-Gewehren und SUV.
Waffenzugang als verschwiegenes Motiv
Über ein Viertel der neuen Jagdscheininhaber hatte keinerlei Vorerfahrung mit der Jagd, fast ebenso viele kommen aus der Stadt. Was der DJV nicht abfragt: Der Jagdschein ist einer der zugänglichsten legalen Wege zu gefährlichen Waffen in Deutschland. Mit gültigem Jagdschein dürfen Inhaber erlaubnispflichtige Langwaffen sowie zwei Kurzwaffen erwerben und besitzen. Dass dieses Motiv in keiner DJV-Umfrage auftaucht, ist kein Zufall.
Hightech statt Können
Was Hobby-Jäger heute in den Wald tragen, hat mit dem, was ein Naturvolk unter Jagd versteht, nichts gemein. Wärmebildkameras erkennen Tiere bei totaler Dunkelheit, GPS-vernetzte Wildkameras protokollieren Tierbewegungen rund um die Uhr, KI-gestützte Zielfernrohre übernehmen Entfernungsmessung und Ballistikberechnung automatisch. Das US-Unternehmen Tracking Point entwickelte «Smart Rifles», bei denen der Schütze das Ziel nur noch markieren muss. Der Schuss löst sich von selbst, wenn der Zielpunkt stimmt, auch auf über 900 Meter Entfernung. Dazu der schwere SUV als Revierfahrzeug.
Ein Naturvolk braucht das alles nicht. Der heutige Hobby-Jäger wäre ohne dieses Arsenal aufgeschmissen. Was er betreibt, ist kein Naturerlebnis. Es ist technologisch aufgerüstetes Freizeitkillen.
Wildbret: Blei, Karzinogene und die WHO
Wildfleisch ist ohne tagelange Marinaden, intensive Gewürzbehandlung oder Weiterverarbeitung zu Wurst und Räuchwaren für die meisten Menschen schlicht ungeniessbar. Kein Mensch isst es roh – das ist den Raubtieren vorbehalten, die kein Feuer und keine Küche brauchen. Damit landet Wildbret in der Praxis genau in der Kategorie, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Gruppe-1-Karzinogen eingestuft hat: verarbeitetes rotes Fleisch, in derselben Risikoklasse wie Arsen, Asbest und Tabakrauch.
Wer diese einfachen, wissenschaftlich belegten Zusammenhänge nicht versteht oder bewusst unterschlägt, hat in der Natur nichts verloren. Ein Verband, der WHO-Warnungen weder in der Jagdausbildung noch in seinen Medienmitteilungen erwähnt, betreibt keinen Naturschutzverband. Er betreibt eine Sekte und schädigt nebst den Wildtieren auch seine Mitglieder ganz bewusst.
Dazu kommen Metallrückstände aus der Munition. Das Problem ist strukturell unlösbar: Bleihaltige Munition hinterlässt nachgewiesenermassen erhöhte Bleigehalte im Schusskanal und im umliegenden Gewebe. Doch auch die viel gepriesenen «bleifreien» Alternativen – Kupfer, Zink, Wolfram, Zinn – lösen das Problem nicht, sie verlagern es nur. Untersuchungen zeigen, dass freigesetzte Zink- und Kupferionen aus Alternativmunition auf bestimmte Organismen hochgradig toxisch wirken können. Selbst die US-Armee führte wolframhaltige Trainingsgeschosse als «weniger toxische» Alternative ein, beendete deren Beschaffung aber, nachdem spätere Studien die Unbedenklichkeit in Frage stellten. Das Grundproblem bleibt: Wer Metallgeschosse in ein Tier schiesst, das danach gegessen werden soll, trägt zwangsläufig Schwermetalle ins Lebensmittel ein. Bleifrei bedeutet nicht giftfrei.
In Deutschland ist Bleimunition bei der Jagd in mehreren Bundesländern bereits verboten, in Niedersachsen seit April 2025 vollständig. Die Jagdlobby feiert das als Fortschritt. Was sie verschweigt: Das Munitionsproblem bleibt bestehen. Dazu kommen unkontrollierte Hygiene bei der Wildverarbeitung im Feld und die Tatsache, dass 60 Prozent der bekannten menschlichen Infektionskrankheiten tierischen Ursprungs sind. Wildbearbeitungsbetriebe unterliegen weit weniger strengen Kontrollen als Schlachthöfe. Die Risiken von Wildfleisch sind ein eigenständiges Gesundheitsthema, das der DJV konsequent verschweigt.
Ein Gesetz aus der Zeit der Gleichschaltung
Mit dem Reichsjagdgesetz von 1934 wurden Jagdvereine aufgelöst, ihre Mitglieder in den «Reichsbund Deutsche Jägerschaft» gezwungen und die Jägerschaft gleichgeschaltet. Göring übernahm die preussische Vorlage und versah sie mit einer Präambel voller Nazi-Ideologie. Das heutige Bundesjagdgesetz fusst auf dieser Grundlage.
Der Merkur-Artikel ist Verbandskommunikation in journalistischem Gewand. Torsten Reinwald durfte unwidersprochen als «Biologe» auftreten, obwohl er hauptberuflich Lobbyist ist. Bis zu 40 Tote pro Jahr durch Jägerwaffen: kein Wort. Die wissenschaftlich belegte Selbstregulation der Natur: kein Wort. Das Genfer Gegenmodell: kein Wort. Der Jagdschein als Waffenzugang: kein Wort. Das Hightech-Arsenal: kein Wort. Die WHO-Einstufung und Munitionsrisiken: kein Wort.
Stattdessen: «Angewandter Naturschutz». «DNA der Jäger». «Artenvielfalt vor der eigenen Haustür».
Das ist Volksverblödung mit Presseausweis.
Weitere Hintergründe zur Jagdgesetzgebung, zu Jagdunfällen und Gewalt durch Hobby-Jäger sowie zur Psychologie der Hobby-Jagd gibt es auf wildbeimwild.com.